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„Fortschritt fängt mit einzelnen Erfolgen an“

Prof. Michael Platten, führender Hirntumor-Experte und Präsident der Europäischen Neuroonkologie-Gesellschaft, gab uns im Gespräch einen Überblick über die neuesten Entwicklungen in seinem Fachgebiet. Hier tut sich derzeit einiges, was Hoffnung macht.

Bis zur Jahrtausendwende hatten Hirntumorpatientinnen und - patienten nur wenige Optionen: Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Da das Gehirn unsere körperlichen und geistigen Funktionen steuert, sollte dabei so wenig wie möglich Hirngewebe geschädigt werden. Gleichzeitig alle Krebszellen zu vernichten ist extrem schwierig, da diese Tumoren oft spinnennetzartig in gesundes Gewebe hineinwachsen. Seit etwa zehn Jahren geben die neu aufgekommenen Immuntherapien Hoffnung, denn sie greifen gezielt nur Tumorzellen an. Die Ansätze sind größtenteils in Erprobung, zeigen aber ermutigende Ergebnisse. 

Herr Prof. Platten, Sie befassen sich seit gut 20 Jahren mit der Neuro-Onkologie und sind auf dem Gebiet sowohl ärztlich als auch forschend tätig. Was hat sich an der Situation der Patientinnen und Patienten in dieser Zeit verändert?

Prof. Platten: Die Versorgung und Behandlung von Betroffenen sind deutlich besser geworden. Einen großen Anteil daran haben neu geschaffene Strukturen wie die neuro-onkologischen Zentren, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert werden. Sie müssen hohe Qualitätsstandards erfüllen, bieten modernste Technik und Zugang zu klinischen Studien mit innovativen Behandlungsmethoden. Davon profitieren unsere Patientinnen und Patienten ganz erheblich.

Hat sich auch die Diagnose von Hirntumoren verändert?

Prof. Platten: Absolut. Neben der Untersuchung klassischer Gewebeschnitte führen wir heute
molekulare Analysen des Tumors durch. Die Techniken werden immer weiter beschleunigt, vereinfacht und präzisiert und sind bereits an vielen Zentren Standard. Mit ihnen lässt sich besser vorhersagen, wie gut eine bestimmte Therapie anschlagen wird und wie die Prognose ist. Die molekularen Analysen fangen zudem an, sich in neue, zielgerichtete Therapien zu übersetzen: In den USA wurde gerade ein neues Medikament zugelassen, das ein fehlgesteuertes Protein hemmt, das aufgrund einer Mutation in manchen Hirntumorzellen den Krebs vorantreibt. In vielen Fällen ließ sich so das Tumorwachstum stoppen. 
Was sich ebenfalls verbessert hat, ist die Aufklärung der Betroffenen. Dank organisierter Selbsthilfegruppen wie die der Hirntumorhilfe beraten wir immer häufiger sehr gut informierte Betroffene und können viel mehr als noch vor 20 Jahren auf Augenhöhe miteinander sprechen. 

Welche Rolle spielen Immuntherapien in der Behandlung von Hirntumoren? 

Prof. Platten: Immunonkologische Methoden bringen das Immunsystem dazu, den Tumor zu bekämpfen. Sie basieren meist auf einer genetischen und molekularen Charakterisierung des Tumors. Es gibt drei Hauptansätze: Therapeutische Impfungen, die Verwendung von körpereigenen T-Zellen, die außerhalb des Körpers auf die Tumorzellen abgerichtet werden – sogenannte CAR T-Zellen - und die Reprogrammierung des Tumormikromilieus, denn der Tumor manipuliert die Zellen um sich herum und lässt sie unter anderem einen Schutzwall gegen das Immunsystem bilden. 

Können Sie mehr Details zu den aktuellen Immuntherapien geben?

Prof. Platten: Hier kann ich aus meiner eigenen Forschung berichten. Wir haben in den letzten zehn Jahren dank der hervorragenden nationalen Netzwerke des Deutschen Krebsforschungszentrums therapeutische Impfstoffe gegen bestimmte hirntumorauslösende Proteine entwickelt und getestet. Sie haben sich als sicher und wirksam erwiesen. Ein schöner Erfolg war die Behandlung einer jungen Mutter mit einem seltenen Glioblastom-Subtyp. Ihr Immunsystem reagierte auf den neuartigen Impfstoff und es kam zu einer gewollten Entzündungsreaktion im Tumorgewebe. Ihr Krebs bildete sich zurück und sie ist in Langzeitremission. Das ist ein Einzelfall, wir erreichen das nicht bei allen Patienten. Aber so fangen Fortschritte an — mit einzelnen Erfolgen. Der nächste Schritt ist herauszufinden, warum es bei manchen Erkrankten funktioniert und bei anderen nicht. 

Welche Herausforderungen und Zukunftsaussichten sehen Sie bei neuen Therapien gegen Hirntumore?

Prof. Platten: Wir müssen noch besser und schneller für jeden Betroffenen die passende Therapie finden. Zeit ist ein entscheidender Faktor bei der Behandlung. Wir brauchen intelligente Studiendesigns, mit denen wir schneller herausfinden, ob eine Therapie wirkt oder nicht. Und wir brauchen Biomarker, die es ermöglichen, therapiebegleitend den Behandlungserfolg zu überwachen.

In zehn Jahren werden wir Untergruppen von Tumoren noch besser differenzieren und speziell darauf ausgerichtete Therapie anwenden können. Dazu benötigen wir eine möglichst flächendeckende personalisierte Diagnostik. Dies umzusetzen ist auch eine Kostenfrage. Aber die molekulare Diagnostik wird immer kostengünstiger und zudem helfen uns mit Hilfe künstlicher Intelligenz entwickelte Analyseverfahren bei der Interpretation und Therapieentscheidung. Hier ist die Neuroonkologie in vielen Bereichen Vorreiterin. 

Herr Prof. Platten, wir bedanken uns herzlich bei Ihnen für Ihre Zeit und die wertvollen Einblicke, die Sie uns im Interview gewährt haben.

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